Title März 2018

So funktioniert agiles Arbeiten in Konzernen

Post-Its sieht man in Großunternehmen neuerdings immer öfter, weil sie verstärkt agile Management­methoden wie Scrum oder Kanban nutzen, um ­schneller auf Veränderungen reagieren zu können. Doch stoßen sie damit auch auf ­Widerstände in den Konzernen.

Peter Schütz ist Projektmanger bei der Deutschen Bahn und hat vor zwei Jahren das Deutsche-Bahn-Projekt „Reisendeninformationen“ zu einem agilen Projekt umgebaut. Seitdem stellt er und die im Projekt befindlichen 250 Mitarbeiter die Bedürfnisse der Kunden in den Mittelpunkt. Sie arbeiten in kleinen interdisziplinären Teams und ­organisieren sich in Sprints. Das bedeutet, alle Teams präsentieren jede zweite Woche die Ergebnisse ihrer Arbeit. Agil arbeiten bedeutet auch, dass Kompetenz in der Bedeutung steigt und Hierarchie sinkt. Schütz, der zuvor in klassischen Managementfunktionen bei der Bahn tätig war, musste sich also einer ganz neuen Führungsrolle stellen. Heute findet er, dass das richtig so war.

Wie Großunternehmen mit agilen Arbeitsweisen reagieren

Damit ist er nicht alleine. Immer mehr Großunternehmen reagieren mit agilen Arbeitsweisen auf die Herausforderungen der Digita­lisierung. Die Welt dreht sich schneller, und Unternehmen müssen auch schneller auf neue Technologien oder veränderte Kundenwünsche reagieren zu können. Klingt sinnvoll in Zeiten, in denen die Geschäftsmodelle vieler Branchen von einem auf den anderen Tag in Bedrängnis kommen.

Agil-Offensive in praktisch allen Branchen zu beobachten

Die Agil-Offensive der großen Konzerne lässt sich in praktisch allen Branchen beobachten.  Die Bank Ing Diba hat zu Beginn des Jahres ihre gesamte Organisation in Deutschland umgestellt. Die AllianzVersicherung hat Trainingscenter für agiles Arbeiten eingerichtet. Der Mikrofon- und Kopfhörer-Hersteller Sennheiser, hat ein Gebäude für agile Teams gebaut. Die Online-Tochter der Reiseveranstalters Tui arbeitet seit Jahren agil. Und auch der Maschinenbauer Trumpf bereitet sich mit agilen Teams auf die Industrie 4.0 vor. Die Unternehmen nutzen Arbeitsmethoden, die aus der Softwareentwicklung kommen und mit ­denen viele Startups arbeiten – auch weil es schlicht nur wenige Mitarbeiter gibt und agile Arbeitsmethoden und Lean Management ressourcenschonend sind.

Sorgen Labs oder Schulungen für Scrum und Kanban für mehr Erfolg?

Firmen jeder Größe springen auf den Hype auf, richten Labs ein, schulen ihre Mitarbeiter in agilen Methoden wie „Scrum“ oder „Kanban“ und tapezieren Glaswände mit bunten Post-its. Die Perspektive ist gut: Die Studie „Boosting Performance ­Through Organization Design“ der Boston Consulting Group ergab, dass Firmen, die agil arbeiten, fünf Mal häufiger zu den Top-­Performern ihrer Branche gehören. Sie wachsen also schneller und setzen überdurchschnittliche Margen um. Wie können ­Firmen von diesen Managementprinzipien profitieren, wie sollen sie Agilität implementieren, wo liegen die Herausforderungen?

Von der Telefonkette zur Instant-App

Auf einem Bildschirm im Deutsche-Bahn-Büro in Frankfurt-­Niederrad steht „Das Tier (eine Kuh) wurde eingefangen“ – und darauf ist Peter Schütz stolz. Jahrzehntelang wurden Informationen wie diese (alias „Tiere am Gleis“) mit einer ­Telefonkette weitergegeben. Der sogenannte Bereichsdisponent rief den ­Mobilitätskoordinator an und so weiter. Bis zu 15 Minuten ­dauerte es, bis die Information an allen Stellen angekommen war und am Ende in die Navigationsapp eingetragen werden konnte, damit auch die Kunden an den Bahnhöfen wussten, wann und ob ihr Zug kommen wird.

Mit dieser trägen Informationskaskade sollte Schluss sein, entschied Schütz. Ein agiles Team aus Interface-Designern, Entwicklern, Experten aus den Fachbereichen und einem Agile-Coach hat eine Art „Mitarbeiter-Chat“ programmiert. Die Telefonkette wird so überflüssig. Weiß jemand, was mit einem Zug los ist, trägt er es in den Chat ein. Den können alle Mitarbeiter einsehen, sie wissen dann direkt, warum ein Zug unvorhergesehen stoppen musste. „Und der Ansager am Bahnhof kann die Information für seine Durchsage nutzen, damit hat er die Information deutlich schneller“, sagt Hanna Jage, die das Team bei der Bahn betreut. Nur: Mit dem Programmieren alleine war die Arbeit nicht getan.

Mitarbeiter und Kollegen werden zu Zielgruppen

Auch die Zielgruppe, die anderen Bahn-Mitarbeiter an den Außenposten, mussten von der neuen Arbeitsweise überzeugt werden. „Wir begeistern mit Expertise“, das ist eine von sieben Regeln, die bei den Reisendeninformationen auf einem Plakat am Büroeingang steht. Schütz sagt: „Diese Regel ist mir besonders wichtig.“ Wer in einem Konzern wie der Deutschen Bahn agil arbeiten wolle, müsse vermitteln lernen. Insbesondere die Mitarbeiter, die mit dem neuen Chat-Tool arbeiten sollen, müssen ins Boot geholt werden, sonst sei der Chat überflüssig. Die Teams betrachten die Bahn-Mitarbeiter, die ihre Technologien nutzen, als Kunden. Sie fragen sie: Was braucht ihr? Und: Wie können wir das erfüllen?

Schütz kennt die Welt des Konzerns und weiß um seine ­Widerstände. Er hat Wirtschaftsingenieurwesen studiert und arbeitet seit fast 20 Jahren bei der Deutschen Bahn. In seinem anthrazitfarbenen Anzug wirkt er spröde, doch wenn er spricht, bröckelt dieses Bild. Schütz ist der, der seinen Vorgesetzten im Konzern berichtet, an was seine Teams gerade arbeiten. Er ist aber auch derjenige, der ihnen sagen muss, wenn ihre Ziele nicht mit den Prinzipien des agilen Arbeitens vereinbar sind – oder wenn sie zu ambitioniert sind.

Wandel zur Agilität ist Pendeln zwischen zwei Welten

Wer Schütz und seine Mitarbeiter besucht, versteht, dass die Agil-Offensiven der Großunternehmen oft Geschichten vom Pendeln zwischen zwei Welten sind. Die Maxime heißt: „Wendiger werden“. Die Herausforderung ist, dabei die Schnittstellen zum Rest der Organisation nicht zu zerstören.

Wege zur Agilität sind unterschiedlich

Einer, der weiß, was die Firmen mit den agilen Agenden bewegt und welche Herausforderungen es gibt, ist Stephan Fischer. Der Professor für Personalmanagement und Organisationsberatung an der Hochschule Pforzheim hat untersucht, wie Firmen mit agilen Arbeitsmethoden schneller und flexibler werden wollen. Einige Unternehmen gründen eine neue Organisation, etwa in Form von Digital Labs. Der Leitsatz bei diesem Vorgehen lautet: „Dort können sich die Neuen weit weg von der Zentrale agil austoben und bringen den klassischen Mitarbeiter nicht gegen sich auf.“ Andere gründen Tochterunternehmen oder schicken ihre Mitarbeiter in agile Projektgruppen in andere Firmen, damit sie dort lernen, wie Scrumboards und ­Kanban funktionieren. „Bei all diesen Modellen gibt es das gleiche Problem“, sagt Fischer, „die agilen Teams brauchen viele Freiräume für ihre Projekte. Kontraproduktiv wirkt, dass sie sich früher oder später wieder den Strukturen des Mutterkonzerns unterwerfen müssen.

Führungskräfte fürchten um Prämien, Boni und Machtverlust

Eine Herausforderung für die Menschen an den Schnittstellen und eine Herausforderung für Typen wie Peter Schütz. In vielen Organisationen würden diese immer noch nach dem individuellen Beitrag zum Endergebnis beurteilt, sagt Wissenschaftler Fischer, etwas, das dem Arbeiten mit möglichst viel Eigenverantwortung der Mitarbeiter und ohne einem klar definierten Ziel widerspricht. Am Anfang ist nicht klar, wo die Reise hingehen wird – und die Führungskräfte fürchten um ihre Prämien, Boni und um Machtverlust. Das weiß Fischer aus Interviews mit Firmenvertretern. „Dabei wollen diese Leute ihren Mitarbeitern die Freiheit geben, das zu machen, was sie für richtig halten. Aber: Das Loslassen fällt vielen schwer.“

Führungsverhalten muss sich ändern und Fehlerkultur angepasst werden

Schütz bestätigt das aus eigener Erfahrung: „Auch ich muss viel lernen, man muss sein ganzes Führungsverhalten ändern – und zum Beispiel akzeptieren, dass Fehler passieren können.“ Das heißt auch, Mitarbeitern beizubringen, dass Scheitern nicht schlimm ist – und man einen neuen Weg einschlagen kann, um ein Problem zu lösen. So ging es einem der zehn agilen Teams. Das kümmerte sich darum, dass die Wagenreihung der Züge am Bahnhof richtig angezeigt wird. Die kann nämlich vom Standard abweichen, wenn der Zug etwa wegen einer Störung oder einer Sperrung eine andere Strecke wählt und anders herum in den Bahnhof einfährt, am Kölner Hauptbahnhof etwa statt über die Deutzer Brücke beim Dom über die Südbrücke. In den ersten Wochen setzte das Team darauf, dass die Zugführer melden sollten, wenn sie das tun. Das habe nicht funktioniert, erzählt Schütz, manchmal schlichtweg, weil die Mitarbeiter es vergessen haben.

Diese Erkenntnis bedeutete für das Team: von vorne anfangen. Der neue Weg war RFID-Chips an den Gleisen zu installieren. Insgesamt 100 Stück in ganz Deutschland. So wird das System automatisch mit der Information versorgt, wenn ein Zug einen alternativen Weg genommen hat. Dieser Umweg bedeutete aber auch, dass das Projekt länger dauerte als gedacht – und Schütz sich vor dem Vorstand rechtfertigen musste.

Konzerne können nur agil werden, wenn die Mitarbeiter mitziehen

Stephan Fischer von der Hochschule Pforzheim sieht noch eine andere Herausforderung für Konzerne, die über die Jahre träge geworden sind und viel Bürokratie aufgebaut haben. Konzerne könnten nur agil werden, wenn die Mitarbeiter mitzögen. Das dürfe oftmals ein Kraftakt werden, sagt Fischer: „Die Leute, die mal im Konzern angefangen haben, sind nicht automatisch die, die Eigenverantwortung sehr schätzen.“

Agilität ist unbequem

Agil arbeiten finden viele Mitarbeiter in großen Unternehmen unbequem. Widerstände sind in den Belegschaften vorprogrammiert. „Nicht alle Leute wollen befreit werden“, sagt Fischer. Etwa weil die ehemaligen Chefs Kontrolle abgeben müssten und das vielen schwerfalle. Manchmal verlören sie sogar ihre Stellung, weil ein jüngerer Kollege besser sei. Agil arbeiten sei unbequem, weil es heiße, sich und den Kollegen im Zweifel früh einzugestehen, dass etwas nicht funktioniere. Es heiße mitunter auch, dass man am Tag vor Ende eines Sprints länger im Büro bleiben müsse, weil noch nicht alles fertig sei.

Externe Agile Coaches helfen

Das wissen auch die Firmen und wollen ihre Mitarbeiter trainieren und motivieren. Bei den Reisendeninformationen ist in jedem Team ein externer Agile Coach dabei. Der soll den Mitarbeitern die agilen Methoden nahebringen. Das Ziel ist, ein agiles Mindset aufzubauen. Das bedeutet zum Beispiel: Veränderungs­bereitschaft zeigen, mutig sein, sich gegenseitig vertrauen, Wissen ­teilen und auch die Bereitschaft fördern, Fehler zu machen.

Trainingscenter für agiles Arbeiten

Die Allianz-Versicherung hat gleich zwei Trainingscenter für die agilen Methoden in München und in Stuttgart eingerichtet. Die Wände bestehen aus beschreibbaren Tafeln, die Arbeitsergebnisse der agilen Teams werden auf bunten Post-its überall an den Wänden aufgeklebt, die Teammitglieder sitzen sich an Tischinseln gegenüber. Telefone gibt es nur din kleinen Sprachkabinen. Wer in einem der beiden Labs der Versicherung an einem Projekt mitarbeiten soll, kennt sich zum Beispiel mit Lebens- oder Autoversicherungen aus, hat aber noch nie agil gearbeitet und wird dort trainiert.

Im ATC, dem Agile Training Center, bekommen die Mitarbeiter dann Crashkurse: Wie können kontinuierliches Lernen und Wissensaustausch feste Bestandteile im Alltag werden? Wie funktioniert Projektmanagement fernab des sogenannten „Wasserfall“-Prinzips mit Anfordungskatalog, Entwurf, Überarbeitung bis hin zur Inbetriebnahme? Wie werden Produkte entworfen, die den Mindestanforderungen entsprechen, und erst nach und nach weiterentwickelt werden – je nach Nutzerfeedback? Wie beziehe ich den Kunden in meine Arbeit ein? „Unsere Mitarbeiter in den ATCs lernen, ihren Arbeitsalltag agil zu gestalten. Gleichzeitig bauen sie Know-how auf und aus und tragen die neue Methodik in das gesamte Unternehmen“, sagt Daniel Poelchau, Leiter der Digital Factory der Allianz Deutschland.

Agilität erfordert ein höheres Engagement und erzeugt Schmerzen

Die Herausforderung für die Konzerne sind die Mitarbeiter mitzunehmen, sie von der Vision zu begeistern – und sich im Zweifel auch von denjenigen zu trennen, die diesen Weg nicht mitgehen wollen. „Agilität erfordert ein höheres Engagement und ein höheres Energieniveau”, sagt Fabrice Roghé, Experte für agiles Arbeiten bei der Boston Consulting Group. Wer Dienst nach Vorschrift machen will, wird in diesen Strukturen nicht glücklich.“ Je radikaler Firmen den Weg zur Agilität umsetzen, desto höher die Schmerzen.

Moderne Konzepte setzen sich langsam durch

In vielen Organisationen beschränkt sich der Wandel bislang auf einzelne Abteilungen oder Projekte. Anders läuft es bei der Ing Diba. Der Mutterkonzern der Bank, die niederländische Ing Groep, hat vor drei Jahren die Wände in den Büros eingerissen und die festen Schreibtische jedes Mitarbeiters abgeschafft. Bis rauf zur Geschäftsführung. Seit Beginn des Jahres setzt auch die deutsche Ing Diba auf Design Thinking, ein Konzept zur kreativen Problemlösung, Scrum und die Methoden des Lean Startups, bei dem alle Prozesse so schlank wie möglich gehalten werden.

Zeljko Kaurin-Ing-diba

Zeljko Kaurin, Ing Diba

Was verspricht sich die Bank von dem organisatorischen Umbau?

Durch den organisatorischen Umbau hofft die Bank, schneller auf technologische Entwicklungen reagieren und besser auf Kundenbedürfnisse eingehen zu können – was der Ing Diba einen Wettbewerbsvorteil gegenüber der Konkurrenz, deren Produkte und Preise den eigenen sehr ähnlich sind, verschaffen soll. Die größte Schwierigkeit bei der Einführung des neuen Organisationsmodells sei es aber nicht gewesen, die Methoden zu schulen und die Büros umzubauen, sondern den Wandel in den Köpfen der Mitarbeiter zu schaffen, erklärte Zeljko Kaurin, Mitglied der Geschäftsführung, bei seinem Vortrag auf der Hub Conference in Berlin im November des vergangenen Jahres. Kaurin berichtet, dass der Umbau nicht leicht war und zu Beginn auch nicht funktioniert hat.

Wieso tun sich die Unternehmen den Wandel an?

Wenn der Wandel so schwer ist, wieso tun sich so große Unternehmen wie die Ing Diba, die Allianz oder die Deutsche Bahn das dennoch an? Unternehmen, deren Aktienkurse sich im vergangenen Jahr durchweg positiv entwickelt haben? „Die Firmen, die jetzt auf die agile Arbeitsweise setzen, eint die Angst, verdrängt zu werden“, sagt Stephan Fischer. Bei der Ing Diba ist es die Furcht vor der Konkurrenz, dazu gehören die großen Banken, aber auch die Fintechs werden für das Unternehmen immer bedrohlicher.

Konkurrenz erzeugt Wandlungsdruck

Bei der Deutschen Bahn ist die Gefahr durch die Konkurrenz abstrakter: Die Mobilität der Zukunft wird durch einen Mix an Verkehrsmitteln bestimmt. Billigflieger konkurrieren mit Fernbusunternehmen, Autovermietern, Carsharinganbietern und wahrscheinlich sogar selbstfahrenden Bussen. In diesem Markt entscheidet, abgesehen vom Preis, auch die Bequemlichkeit für den Kunden – und an der muss auch ein marktbeherrschendes Unternehmen wie die Deutsche Bahn arbeiten.

Die Zukunft ist ergebnisoffen

Zu welchem Ergebnis werden die Veränderungen bei den Unternehmen führen? Antworten darauf hat keiner. „Das ist ein Experiment“, sagt auch Peter Schütz von der ­Deutschen Bahn, „wir müssen uns ständig weiterentwickeln und daran wachsen.“ „Agil bleiben“ heißt die Devise

Schüler müssen Skepsis lernen

Skepsis lernen für die Demokratie

Der ZEIT Redakteur Martin Spiewak ruft Anfang März 2018 in einem lesenswerten Beitrag dazu auf, dass Schüler und vor allem junge Lehrer lernen müssen, Fakten von Fakes zu unterscheiden. Letztendlich sei unsere Demokratie in Gefahr.

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Wir alle brauchen die Fähigkeit, wie man sich kompetent informiert und im Internet Wahrheit von Lüge unterscheidet. Wir sollten uns bewusst sein, dass eine neue Nachricht mindestens 2 unabhängige Quellen braucht und jede Meinung auch eine Gegenmeinung. Auch sollten wir wissen, dass eine Behauptung nicht deshalb zur Tatsache wird, nur weil sie aus dem Freundes- oder Bekanntenkreis kommt.

Wir sollten unsere Sinne für die Fallen und die Verführungen des Internets schärfen und erkennen können und unterscheiden können, was echte Nachricht oder eine als Nachricht getarnte Werbung ist. Diese Fähigkeiten scheinen vor allem der jüngeren Generation verloren zu gehen, wie Studien zu belegen scheinen.

Im Internetzeitalter ist jeder User nicht nur Empfänger von Nachrichten, sondern auch ihr Produzent; nicht nur Leser, sondern auch Journalist. Denn jedes Teilen einer Botschaft ist selbst eine Nachricht, jedes Liken einer politischen Stellungnahme selbst eine politische Stellungnahme. Und jeder Kommentar im Netz beeinflusst die öffentliche Meinung. Jedem verleiht das ein wenig Macht und damit auch publizistische Verantwortung.

10 Regeln für den Umgang mit Nachrichten im Internet

Die folgenden 10 Faustregeln von Martin Spiewak sollen helfen, damit umzugehen.

  1. Du bist das Internet
    Alles, was du im Netz liest, schreibst und postest, fällt in deine Verantwortung.
  2. Verlasse deine Filterblase
    Je umfassender du dich informierst, desto größer wird deine Autorität mitzureden.
  3. Höre immer die andere Seite
    Nicht nur vor Gericht gilt: Zu jeder Meinung gibt es eine Gegenmeinung.
  4. Prüfe die Quellen
    Eine seriöse Nachricht hat eine seriöse Herkunft. Und es ist deine Aufgabe, einzuschätzen, wie glaubwürdig der Absender ist, bevor du einer Nachricht Glauben schenkst.
  5. Kontrolliere die Fakten
    Seriöse Nachrichten liefern konkrete und korrekte Daten, Zitate oder Statistiken. Prüfe zumindest stichpunktartig, ob diese stimmen.
  6. Leite nichts ungelesen weiter
    Teile keine Nachricht, von der du nicht sicher weißt, dass ihre Quelle seriös ist und die Fakten stimmen. Dasselbe gilt für jedes Like, das du setzt.
  7. Korrigiere deine Fake-News
    Stellt sich heraus, dass du eine Falschnachricht verbreitet hast, solltest du jeden Empfänger darüber informieren.
  8. Bleibe cool
    Vermeide auch im Netz Übertreibungen, Unterstellungen und persönliche Angriffe. Je sachlicher du argumentierst, desto größer ist deine Glaubwürdigkeit.
  9. Zeige dich
    Anonymität ist in den meisten Fällen Schwäche – wer eine Meinung äußert, sollte sie mit seinem echten Namen bezeugen.
  10. Nimm dir Zeit
    Lies jeden Post, jeden Tweet, jeden Kommentar noch einmal durch, bevor du ihn abschickst, und prüfe, ob du die oben genannten Grundsätze eingehalten hast.

 

Fazit: Wir müssen Skepsis üben!

Woher stammt die Information?
Wer hat ein Interesse daran, sie zu verbreiten?
Gibt es für die Behauptung Belege?

Die norwegische App Holdstudent belohnt Schüler und Studierende – Wenn sie das Handy weglegen

Prämien für Verzicht auf permanenten Smartphone-Konsum

Ständige Kommunikation macht süchtig. Weder Whatsapp noch Facebook, E-Mails oder „Pokemon“. Funkstille, Smartphone-Pause. Für Viele ist das ein Problem. Laut Untersuchungen verbringen durchschnittliche Nutzer zwei Stunden täglich am Smartphone, junge Menschen noch mehr; rund 200 Mal pro Tag blicken viele Display. Über die Auswirkungen dieses konstanten Konsums wird kontrovers diskutiert. Einigkeit herrscht aber darüber, dass das Smartphone die Konzentration beeinträchtigt. Mehrere US-Studien haben bei Studierenden einen Leistungsabfall gemessen, wenn diese ihr Smartphone auf dem Pult hatten, und eine Untersuchung zeigte, dass es nach dem Griff zum Handy rund 20 Minuten dauerte, bis die Probanden wieder ihre volle Konzentration erlangten.

Eine norwegische Firma hat eine Lösung für das Problem entwickelt – im Smartphone selbst. Mit der App Hold können Nutzer Punkte sammeln, wenn sie ihr Handy nicht beachten: Die App beginnt zu zählen, sobald der Bildschirm gesperrt ist. Dies funktioniert nur auf dem Hochschul-Campus und an Schulen. Der Sinn ist, dass die Jungen ihr Handy während der Studien- und Unterrichtszeit weglegen. Für jeweils 20 Minuten am Stück ohne Smartphone-Aktivität gibt es einen Belohnungspunkt. Die Punkte können gegen Prämien von über 30 beteiligten Firmen getauscht werden. So machen etwa eine Kiosk-Kette, Telekommunikationsfirmen, eine Airline und eine Bank mit. Im Angebot sind Getränke, Snacks, Kinotickets oder auch die Chance, ein kleines Stipendium zu gewinnen. Zudem besteht die Möglichkeit für wohltätige Zwecke zu spenden.

Neue Variante der Verbindung von Online- und Offline Marketing

Die Idee der jungen Norweger ist eine neue Variante im Marketing-Mix und eine Chance für Unternehmen Nutzer wieder mehr zu Offline-Konsulemten werden zu lassen. Besonderst interessant für Produkte, die sich online sehr schlecht vermarkten lassen. Schokoriegel oder eine frisch zubereitete Pizza sind nur die offensichtlichsten Produkte. 

Inzwischen über 120.000 Nutzer

Im Jahr 2016 in Norwegen lanciert, erreicht die App heute laut Angaben der Entwickler 40 Prozent der norwegischen Studierenden und insgesamt über 120.000 Nutzer. Verfügbar ist sie auch in Dänemark, Schweden und seit neustem an britischen Universitäten. Maths Matisen hat die App mit zwei anderen Norwegern entwickelt, als sie selber Studierende an der Business-School in Kopenhagen waren. Mittlerweile ist das Team auf über 12 Mitarbeiter gewachsen. Statt eines Systems der Bestrafung für permanente Smartphone-Nutzung hätten sie ein Konzept mit Prämien geschaffen, erklärt Matisen. Diese seien von eher kleinem materiellem Wert, die Teilnahme brauche Selbstüberwindung, aber das Ganze habe neben dem offensichtlichen Nutzen auch etwas Spielerisches.

Online auch während der Schulstunden

Dort findDie Entwickler von Hold hoffen, dass ihre App das Bewusstsein schärfen und zu einer Verhaltensänderung beitragen kann – auch als Alternative zum Verbot von Smartphones, wie es viele Schulen aussprechen. Die dänische Bildungswissenschafterin Dorte Aagaard spricht in diesem Zusammenhang von der „pädagogischen Herausforderung Nummer eins“. Durch die Smartphone-Nutzung werde die Fähigkeit des Gehirns, Wissen zu speichern, laufend beeinträchtigt. Eine dänische Studie mit 2.700 Gymnasiasten ergab, dass rund ein Drittel der Befragten in den Schulstunden online ist – und dies meist ohne Bezug zum Unterricht. Konzentrationsschwierigkeiten und Stresssymptome waren bei diesem Drittel der Befragten am ausgeprägtesten.

Hier geht es zur Website der App Hold. Dort finden Sie auch die aktuellen Links für Apple & Android.